Freitag, 21. Juli 2017

Von dahinziehenden Sommertagen - und grün-weiß-blauen Insel-Impressionen...

Der Sommer

Die Tage gehn vorbei mit sanfter Lüfte Rauschen,
Wenn mit der Wolke sie der Felder Pracht vertauschen,
Des Tales Ende trifft der Berge Dämmerungen,
Dort, wo des Stromes Wellen sich hinabgeschlungen. 


Der Wälder Schatten sieht umhergebreitet,
Wo auch der Bach entfernt hinuntergleitet,
Und sichtbar ist der Ferne Bild in Stunden,
Wenn sich der Mensch zu diesem Sinn gefunden. 


d. 24 Mai 1758. Scardanelli.
Friedrich Hölderlin 


Irgendwer hat die Sonne gewendet. Ohne um Erlaubnis zu fragen. Es bereitet mir Unbehagen. Ich bin ein Frühlingskind, in der ersten Jahreshälfte zuhause. Die Monate von März bis Juni sind die Meinen. Nach Mittsommer ziehen die Tage weiter, "gehn vorbei mit sanfter Lüfte Rauschen" und lassen mich mit leeren Händen und brennendem Herzen zurück. Ich muss mich wieder sammeln, um weitergehen zu können.

Alte Lindenallee bei Lohme
Wenn ich die Augen schließe, wandere ich durch uralte Alleen, über von Licht und Schatten geflecktes Kopfsteinpflaster, höre den Kuckucksruf, sehe das Meer tiefblau hinter sonnengelben Rapsfeldern, habe sein Rauschen im Ohr, sehe jenseits der Bucht die ockerfarbenen Felsen von Arkona in der Morgensonne leuchten. Die Insel Rügen klingt in mir nach.







Arkonablick


Vierbeinige Morgenbegegnung
Jasmund: Keine Erinnerung an einen Ort, an dem ich so restlos glücklich war, mich so lebendig fühlte, dass selbst die frühen Stunden der üblichen Schwere enthoben waren.

Vierbeinige Begegnungen prägten meine Morgenwege - und das Gefühl, stets von schwarz-weißen Katzen beobachtet und begleitet zu sein. Den Verdacht irgendwie nicht losgeworden, dass sie zu Lisas Netz der Schnurrenden Geheimagenten gehörten...











Schnurrender Frühstücksgefährte


Bauernhaus in Hagen
Im verträumten Nachbarort: Stille, verwunschene alte Häuser, über denen der Flieder noch Anfang Juni in voller Blüte stand...











Flieder in Hagen


Lindenallee bei Lohme-Nipmerow



O Land der dunkeln Haine,
O Glanz der blauen See,
O Eiland, das ich meine,
Wie tut's nach dir mir weh!
Nach Fluchten und nach Zügen
Weit übers Land und Meer,
Mein trautes Ländchen Rügen,
Wie mahnst du mich so sehr!

Ernst Moritz Arndt
(Heimweh nach Rügen)






Die Kreideküste bei Sassnitz


Wissower Klinken
Auf dem Hochuferweg auf Spuren der Maler wandern, im Farbenwechselspiel von Grün, Weiß und Blau.

Vogelgezwitscher, das Rauschen der See - mal nah, mal fern - und noch immer liegt ein stiller Zauber über den Wissower Klinken...










Ernst-Moritz-Arndt-Sicht


Hochuferweg Lohme
Unterwegs durch uralte Buchenwälder, auf Pfaden, gesäumt von Baumriesen, welche die alten Geschichten von Waldgeistern und Trollen wieder lebendig werden lassen.














































Stubbenkammer: Feuerregenfelsen



Blick vom Königsstuhl
... und stets aufs Neue bezaubert der atemberaubende Ausblick vom Königsstuhl...












Blick vom Königsstuhl



Doch auch die hohen Eschen wollen mir nicht aus dem Sinn, die sich immer wieder vereinzelt fanden in großer Mächtigkeit.

"Eine Esche weiß ich stehen,
sie heißt Yggdrasil, ein hoher Baum..."

Aus der Edda


Einige solcher Weltenbäume umstanden auch die Wiese hinter Haus, mit dem dunkelgrünen Feengras, übersät von hellen Tupfen des leuchtend weißen Doldenmilchsterns. Dort stand ich oft spät abends, von Fledermäusen umflogen, nahezu in der Erwartung, es würden sich doch noch Elfen zum Tanz einfinden. Aber die kleinen Leute lieben es bekanntlich nicht, von unsereinem gestört zu werden. Mit Recht.




Lietzow
Ein Weg von der Hauptinsel nach Jasmund führt über den Damm bei Lietzow, wo sich Kleiner und Großer Jasmunder Bodden treffen - Zauber einer einzigartigen Wasserlandschaft.

Am Kleinen Jasmunder Bodden bei Lietzow


Am Großen Jasmunder Bodden bei Lietzow

"Ich halte auch das Wasser und die Luft für bewunderungswürdig, die Menschen achten nur so wenig auf beides, weil sie überall von ihnen umgeben sind. Das Wasser erscheint mir als das bewegte Leben des Erdkörpers wie die Luft sein ungeheurer Odem ist."
Adalbert Stifter








Am Kleinen Jasmunder Bodden


Blühender Weißdorn in Dranske
Von ganz anderem Charakter, aber mir nicht minder lieb, zeigt sich die benachbarte, blütenreiche Halbinsel Wittow.











Eingriffeliger Weißdorn (Crataegus monogyna)


Schmalblättrige Ölweide (Elaeagnus angustifolia)















Essig-Rose (Rosa gallica)



Stets begleitet vom Ruf des Kuckucks und dem Gesang der Nachtigall in den Sträuchern, auf dem Weg zwischen Dranske und Bug, Bodden und Meer.










Unter Pappeln und Weiden am Boddenufer zwischen Bug und Dranske



Dranske: Strand
Träumen unter Pappeln und Weiden am Wieker Bodden auf der einen Seite des Weges, auf der anderen Naturstrand und die offene See - mit Blick über das funkelnde Wasser zum Leuchtturm auf dem Dornbusch der Insel Hiddensee.








Hiddensee-Blick


Schwedische Mehlbeere (Sorbus intermedia)
Und immer wieder finden sich Blüten von seltenem Anblick, wie die der Schmalblättrigen Ölweide oder der Schwedischen Mehlbeere. Oder auch des Orangeroten Habichtskrauts.










Orangerotes Habichtskraut
(Hieracium aurantiacum)


Putgarten: Helene-Weigel-Haus
Der Weg zum schönsten Punkt auf Wittow, zugleich dem nördlichsten Rügens, dem Kap Arkona, führt über Putgarten, dessen Name sich aus dem westslawischen Wort "Podgarde" herleitet, welches bedeutet: "Ort unter der Burg". Inmitten aller Betriebsamkeit findet sich dort mit dem Helene-Weigel-Haus eine Oase der Ruhe und kulturellen Einkehr.








Das etwa 200 Jahre alte Fischerhaus wurde einst von der Schauspielerin und Theater-Intendantin Helene Weigel und dem Dramatiker und Lyriker Bertold Brecht selbst während in der Sommerzeit bewohnt und diente lange Jahre als Feriendomizil des Berliner Ensembles. Es wurde vor einigen Jahren von Privatleuten liebevoll restauriert und beherbergt ein kleines Café mit Garten und Museum. Das Interieur besteht noch immer aus Möbeln, die Helene Weigel selbst entwarf und - ursprünglich für die Kantine des Ensembles - anfertigen ließ.





Der Ausstellungsraum zeigt, neben beeindruckenden Fotos, ein Miniaturmodell des Marketenderwagens aus "Mutter Courage" und Requisiten, wie die Puppe aus dem "Kaukasischen Kreidekreis".










Kap Arkona


Wer sich dem Kap auf dem Wanderweg nähert, dem bietet sich manch ungewöhnlicher Blick auf die beiden imposanten Leuchttürme inmitten leuchtender Weißdornbüsche.














Schinkel-Leuchtturm
In dem alten, Karl Friedrich Schinkel zugeschriebenen Turm von 1826/27 finden sich heute Dauer- und Wechselausstellungen, so auch zum Bild "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich.




















"Die stille Wildnis der Kreidegebirge und die Eichenwaldungen seiner vaterländischen Insel Rügen waren im Sommer, noch mehr aber in der stürmischen Zeit des Spätherbstes und im angehenden Frrühling... sein beständiger, sein liebster Aufenthalt."

Gotthilf Heinrich von Schubert
über Caspar David Friedrich
 














Neuer Leuchtturm
Im Inneren beeindruckt die original erhaltene, gußeiserne Treppe. Von der Aussichtsplattform dominiert der Blick auf den jüngeren "großen Bruder", den Neuen Leuchtturm von 1901/02, dessen Inbetriebnahme einst den älteren und kleineren von beiden ablöste.

















"Das Meer ist doch eine Verschönerung aller Landschaften, und in so origineller Form, wie es sich vor Rügen zeigt, wüsste ich es nirgends anderswo gesehen zu haben..."

Karl Friedrich Schinkel 








Und selten bietet sich ein Blick "von oben herab" auf einen Leuchtturm, wobei sich nochmals eine ganz neue Perspektive auf dessen Architektur eröffnet.


















Der Neue Leuchtturm bietet die schönste Aussicht über die See und die Halbinsel Wittow. Im Inneren fasziniert die holzgetäfelte Turmstube.

















Peilturm



"Dritter im Bunde" wiederum ist der ehemalige Peilturm an der Jaromarsburg, welcher heute maritimes Kunsthandwerk in seinen Mauern beherbergt.



















Einen schönen Blick zurück aufs Kap bietet ein Aussichtspunkt am Hochuferweg zum Fischerdorf Vitt, wo sich Natur und Kunst im Wechselspiel vereinen.











Kunst mit Dorngrasmücke


Vitt
Lied und Gedicht
vom Rugard aus gesehen
Der walt und angher lyt ghebreyt
mit wunnenrigher varwen cleyt;
reyt sint der suozen voghelyn done.
Se uoben eren suozen schal
vrolichem hertzen uober al.
mal ich des vinde an blomen schone.

Ho. vro. so. stet des meyien bluote. guote. suote.
ich merke vroyden vol in angher und uph alben
wyinthalben.

Wizlav diz schrip
Übersetzung:
Wald und Wiese liegen ausgebreitet
in einem Kleid von wunderschöner Farbe
schon ertönen die Lieder der süßen Vögelchen.
Sie üben ihren süßen Gesang
überall mit frohem Herzen.
Ich male, was ich an schönen Blumen finden kann.

Ho! Froh! So! Das ist die Blütenpracht des Maien,
seine Wohltat und seine Süße.
Ich bemerke ein Übermaß an Freuden
auf den Wiesen und auf den Berghängen
weit und breit.

Rügenfürst Wizlaw III.







Ein letzter Blick über die Roggenfelder zu den Türmen - und ein letztes Mal wird nach Sonnenuntergang das Leuchtfeuer von jenseits der Tromper Wiek nach Jasmund herüber grüßen.












Arbeitsintensiv die Tage nach der Rückkehr, stets im Spannungsfeld zwischen Ideal und "Wirklichkeit", - aber was ist denn "wirklich"? "Alltag", "Realität", "Boden der Tatsachen" - Begriffe, die mir inzwischen mehr und mehr verdächtig geworden sind!

Die Dichter immerhin mussten nicht zurückstecken. Meine Besprechung der neu aufgelegten Doppelbiographie von Gisela Kleine über Ninon und Hermann Hesse erschien neu bei literaturkritik.de unter Dialog als Voraussetzung und findet sich inzwischen auch als Post im Blog LiteraturFreundIn.

Mehr Fotos aus Inseltagen finden sich im Blog für junge und jung gebliebene LiteraturfreundInnen, Betty's Kids' Corner, unter dem jüngsten Post  Von sommerlichen Abenteuern - und Träumen, die Groß und Klein auf Reisen führen.

Denn der Sommer liegt ja zum Glück noch vor uns...

Sonnige Tage wünscht euch

Betty

Sonntag, 19. März 2017

Von blauen Blumensternen - oder: Traum vom neuen Werden...

Scilla bifolia - An meine Blaue Blume

Bist seelenverwandt mir, blühst um die Zeit, die einst auch mich ins Leben warf, ungefragt.

Verzauberst mir jene Tage, streust blaue und weiße Sterne auf den wintergrauen Waldteppich, wenn noch keine andere Frühlingsblume sich hinauswagt.
 








Bestätigst auch im vereinzelten Weiß nur jenes Blau, das dir deinen Namen gab. 

Spiegelst den Himmel, der ohne Wolken nicht zu denken wäre.
 


















Verheißung ist deine Botschaft, sie ist dir wichtiger als Erfüllung.

Bist mir ähnlich darin.

Wird es dir zu laut, zu bunt, zu heiß, schon ziehst du dich zurück, verschließt dich wieder für ein Jahr, bis deine Zeit erneut gekommen ist.
 
















Träumst dich von Winterende zu Winterende, Jahr für Jahr.

Gibst ihn nie verloren:
Deinen Traum vom neuen Werden.





















Einen schönen und hoffnungsvollen Frühling
wünscht euch Lieben allen

Betty

Samstag, 24. Dezember 2016

Immer wieder - oder: Vom Wagnis des Sich-Einlassens auf die Weihnachtsbotschaft...

Der Heiland

Immer wieder wird er Mensch geboren,
spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
kommt uns nah und geht uns neu verloren.

Immer wieder muss er einsam ragen,
aller Brüder Not und Sehnsucht tragen,
immer wird er neu ans Kreuz geschlagen.

Immer wieder will sich Gott verkünden,
will das Himmlische ins Tal der Sünden,
will ins Fleisch der Geist, der ewige, münden.

Immer wieder, auch in diesen Tagen,
ist der Heiland unterwegs zu segnen,
unseren Ängsten, Tränen, Fragen, Klagen
mit dem stillen Blicke zu begegnen,
den wir doch nicht zu erwidern wagen,
weil nur Kinderaugen ihn ertragen.

Hermann Hesse


In diesem Sinne: Euch Lieben allen frohe Festtage und einen guten Jahreswechsel!

Lasst uns zur Ruhe kommen und uns überall dort einfinden, wo sich Menschen gemeinsam auf den Weg des Friedens machen! Immer wieder...

Bis bald im Neuen Jahr!

Betty

Sonntag, 6. November 2016

Herbe Zeit - oder: Vom zu tief hängenden Himmel...

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält. 


Rainer Maria Rilke


 

Der Herbst - er setzt uns zu, macht uns einen Strich durch manche Rechnung, lässt Hoffnungen verblassen. Sein Leuchten tröstet nur für kurze Zeit. Ich hab ihm nichts entgegenzusetzen. Lasse mich mit den Blättern fallen. Leiste es mir manchmal, liegen zu bleiben. Stehe wieder auf, wann es mir passt, wenn es niemand mehr erwartet. Leiste mir den Luxus, Erwartungen nicht immer zu erfüllen. Zu viel zu wollen. Zu scheitern. Mein inneres Navigationssystem neu auszurichten. Weiterzugehen. Neue Spuren zu verfolgen. Aufzubrechen zu neuen Horizonten. Nehme ungefragt. Gebe absichtslos.




 


Stelle mich in Frage. Wer bin ich? Schriftstellerin, die ich sein will? Mit einer gewissen Neigung zum Wenig-Schreiben. Paradoxerweise. Aus einem immerwährenden inneren Grauen vor Schreiben als Geschwätz. Von dem es zu viel gibt. Zu dem ich nicht beitragen will. Und es natürlich dennoch tue. Weil immer nur ganz wenige dagegen gefeit waren und sind.

Und doch sagen und schreiben mir hier und da Menschen, dass sie meine Beiträge schätzen und Kraft aus ihnen ziehen. Darüber freue ich mich. Solches herunterspielen hieße, es gering zu schätzen. Das sei mir fern - schon aus Respekt vor meinen Leserinnen und Lesern! Deshalb all jenen einfach: Danke!!!


Lyrik wollte ich immer den ganz Großen überlassen, hab mich selten daran versucht. Auch das Folgende entstand als Prosatext, fast in einem Zug hingeschrieben. Bis ich beim näheren Hinsehen befand, es könnte wohl auch als Gedicht durchgehen. Und dann sähe es so aus:

 

Herbst - Herbe Zeit.
Ecken, Kanten, Spitzen. 

Angekratzt, angegangen
Vielleicht auch -
Angefressen; das auch, ja!

Die Stirn wundgestoßen
Am zu tief hängenden
Bleiernen Himmel.

Welkende Illusionen.
Weg damit - alles muss raus!
Es wird den nahenden
Frost nicht überstehn.

Und die Knospen, die wir -
Möglicherweise ungebrochen -
In einen neuen Frühling
Hinüber retten
Brauchen Raum
Sich zu entfalten.



In diesem Sinne - kommt mir gut durch den November!

Betty