Montag, 29. September 2014

Herbstwanderungen - oder: Jahreszeit für Gedichte und Geschichten


Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen.
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Eduard Mörike



"Oh, das ist schön!" waren die Worte eines Mädchens, mit dem sich zufällig ein Gespräch über den von der Sonne überstrahlten Morgennebel entsponnen hatte, der es faszinierte. "Dazu gibt es ein Gedicht," hatte ich gesagt, worauf sie mich erwartungsvoll angeschaut hatte. Und zu meinem Staunen hörte sie mir aufmerksam zu, als ich meinen Mörike, den ich auswendig kann, zitierte. In ihren Augen ein Leuchten, das ich noch deutlich vor mir sehe. Sie geht inzwischen in die zweite Klasse und spricht zwei Sprachen. Ihre Muttersprache ist arabisch.

Warum fürchten wir so oft, Kindern mit Gedichten zu nahe zu treten? Manchmal glaube ich eher, es könnte unverzeihlich sein, sie ihnen vorzuenthalten.

So schaffte es Mörikes "Septembermorgen" auch diesmal, mich mit dem zugehörigen Monat zu versöhnen, zumindest gegen dessen Ende hin. Der Schritt in den Herbst ist vollzogen, es wird möglich, sich auf ihn einzulassen, seine Schönheit wahrzunehmen. Die Farbenpracht der Astern in den Gärten bot sich für ein Kurzvideo an.




Ein Jahr ist es nun her, dass ich dieses Blog startete, und ich freue mich, dass ich meinen Vorsatz, monatlich mindestens einen Beitrag einzustellen, bislang einhalten konnte. So ist, wenn schon kein Tagebuch, so doch eine Art virtuelles Jahrbuch entstanden, in dem sich Platz findet für Erlebnisse und Eindrücke, die ich gerne mit Euch teilen möchte, auch und gerade zu Zeiten, die wenig Raum für eigentliches literarisches Schaffen lassen. Alles in allem reichte es dennoch - wie angekündigt - zu meiner Kurzgeschichte Begegnung, die seit heute im LiteraturFreundIn-Blog zu lesen ist.

Der Herbst ist die Zeit für Geschichten, auch und gerade für die der unheimlichen Art, die von Begegnungen und Berührungen mit anderen Wirklichkeitsebenen erzählen, die sich unserer alltäglichen Wahrnehmung zumeist entziehen. Von dieser Faszination zeugt auch unser Rodensteiner, unser geradezu liebgewonnenes Odenwälder Gespenst, fast schon ein Herbstklassiker in unserem Blog, der nach wie vor seinen Platz als meistaufgerufener Beitrag behauptet.



Wanderungen - Inspiration fürs Schreiben als auch für das Fotografieren: Impressionen einer Spätsommer-Wanderung im Hohloh-Hochmoor des nördlichen Schwarzwaldes.





Wanderer
Der Du
Vorübereilst.

Zu Fuß.
Per Fahrrad.
Dein Übernächstes Ziel
Schon im Blick.










Du wirst sie nie hören.
Die Stille
Die über dem Moorsee liegt.
Ihr tiefes Schweigen.

Einzig übertönt
Vielleicht
Vom Rhythmus
Deines eigenen Herzschlags.

Dann und wann durchdrungen
Vom einsamen Ruf
Des Schwarzspechtes
Oder eines Kolkraben.






Wirst sie nicht vernehmen
Die Stimme des Moores.
Das leise Glucksen
Unter den Holzplanken.

Das Flüstern
Des Windes
In den Kiefern
Und Birken.

Den hohen Ruf
Des Zwergtauchers.
Den rauen Gesang
Des Auerhuhns.






Auch wirst Du
Nichts darüber sagen können.
Wie viele Farben sie hat.
Die Moorheide.

In wie vielen Nuancen
Sie leuchtet.
Wenn der Herbst
Langsam Einzug hält.




Siehst nicht
Die Königslibelle.
Die vor Dir hin und her fliegt.
Ihren blaugrünen Tanz.

Aber
Du wirst erzählen,
Du seist im Moor gewesen.


Auf dass es Euch nicht so ergehe möge, Ihr Euch entschleunigt und Augen und Ohren habt für das Kostbare!

Herzliche Grüße und einen farbenfrohen Herbst!

Eure Bettine









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