Freitag, 29. August 2014

Leise gewordener Sommer - oder: Mut zum Unvollendeten

Sommersneige

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden, dein kristallenes Antlitz.
Am Abendweiher starben die Blumen,
Ein erschrockener Amselruf.

Vergebliche Hoffnung des Lebens.
Schon rüstet
Zur Reise sich die Schwalbe im Haus
Und die Sonne versinkt am Hügel;
Schon winkt zur Sternenreise die Nacht.

Stille der Dörfer; es tönen rings
Die verlassenen Wälder. Herz,
Neige dich nun liebender
Über die ruhige Schläferin.

Der grüne Sommer ist so leise
Geworden und es läutet der Schritt
Des Fremdlings durch die silberne Nacht.
Gedichte ein blaues Wild seines Pfads,

Des Wohllauts seiner geistlichen Jahre!

Georg Trakl



Nichts einzuwenden gegen einen ausklingenden Sommer, der seine Lautstärke zurücknimmt, leise Töne anzuschlagen beginnt. Aus ähnlichen Motiven habe ich mich für Ferien zuhause entschieden, was für mich derzeit bedeutet: Ruhiges, entspanntes Arbeiten und Lernen, viel lesen, ausschlafen, Spaziergänge und Wanderungen in die nähere Umgebung.






Ich liebe meine helle, freundliche Dachwohnung, zumal ich hier oft die Gesellschaft einer schnurrenden Katze genieße. Hier mag ich selbst das Geräusch von Regen auf den Fensterscheiben. Eine Seereise, die ich unternehmen wollte, habe ich hingegen auf den Herbst verschoben, der mir eine ruhige Insel ohne Touristenlärm in Gesellschaft von Wind, Meer und Zugvögeln verheißt, und so verlebe ich diese Tage in Vorfreude, während derer ich manche Zeitgenossen gestresst und deprimiert angesichts einer bevorstehenden, endlos scheinen wollenden, grauen Alltagsmasse aus dem Sommerurlaub zurückkehren sehe. Ein Privileg, ich weiß darum!

Dem grauen Alltag jedoch habe ich eine Absage erteilt. Ich will ihn nicht haben - Annahme verweigert! Ich brauche Farbe und nehme sie mir. Meine Welt ist bunt. Sie ist das einzige, was ich "der Welt da draußen" entgegenzuhalten habe. Wenn ich hingegen zulasse, dass sie verblasst und ergraut, dann bleibt nichts mehr, als sich dem Ekel und Grauen über das Geschehen in der äußeren Welt zu überlassen. Dies kann ich mir schon deshalb nicht erlauben, weil ich für Kinder verantwortlich bin, die mich ein um das andere Mal nach dem Weg fragen.



Ein großer Pianist und Dirigent der Gegenwart, dem meine Hochachtung und Bewunderung gilt, Daniel Barenboim, der sich mit seinem "Orchester des west-östlichen Divans", zusammengesetzt aus engagierten jungen Musikern der jüdischen und arabischen Welt, seit Jahren unermüdlich für die Annäherung und Verständigung zwischen verfeindeten Volksgruppen einsetzt, sagt schlicht:

"In diesen Tagen können wir uns keinen Pessimismus leisten."

Wir brauchen heute mehr denn je Menschen, die solches auf den Punkt bringen und denen der Gedanke fern steht, aufzugeben und sich dem allgemeinen Strom anzupassen. Es sind dies wenige genug!

Als den Kindern geschuldet sehe ich auch meine Arbeit an Betty's Kids' Corner, ein Blog, das ich kontinuierlich weiter ausbauen, jedoch darin mehr auf Qualität als auf Quantität setzen möchte. Ob dies gelingt und wohin die Reise genau gehen wird, bleibt eine spannende Frage.

Der Umgang mit Literatur und Büchern ist etwas, das Kinder vor allem am Vorbild lernen. Ich werde ihn nicht vermitteln können, wenn sie nicht sehen, dass ich ihn selbst lebe. An Tagen, die ich im Kindergarten verbringe, setze ich mich während meiner Mittagspause bei sonnigem Wetter gern in den weitläufigen Garten unter einen Baum und lese. Oft sprechen mich Kinder aus der Ganztagesgruppe darauf an, wenn sie mich während des Mittagessens durch die Fenster beobachtet haben und sich anschließend zum Vorlesen während der Ruhezeit versammeln: "Wir haben dich gesehen, du warst im Garten, was hast du da für ein Buch gelesen?" Ich hatte in diesen Tagen oft "Augenblicke" von Virginia Woolf in einer Taschenbuchausgabe bei mir, das sich gut in einzelnen Abschnitten lesen lässt. Wie sollte ich es ihnen am besten beschreiben? Ich sagte, ich lese in einem Buch einer Schriftstellerin aus England, die vor hundert Jahren gelebt und viele Bücher geschrieben hat, und dieses Buch erzähle von ihren Erlebnissen als Kind und junges Mädchen und von den Eigenheiten der Leute der damaligen Zeit. Sie hörten andächtig zu, dennoch nahm ich an, sie würden es recht schnell wieder vergessen haben. Tage später jedoch sprang mir wieder ein Mädchen fröhlich entgegen und sagte: "Ich hab dich gesehen! Gell, du hast wieder in dem Buch von der Engländerin gelesen?"

Ein Erlebnis, das zu der Frage führt: Wann haben Kinder die Gelegenheit, Erwachsene lesen zu sehen? Es ist ja keineswegs so, dass nicht gelesen würde. Nur ist das Lesen eine Tätigkeit, welche die Großen gern auf eine Zeit verlegen, während derer die Kinder woanders sind. Im Bett - abends - oder, falls sich tagsüber Gelegenheiten bieten, in der Schule oder im Kindergarten. Oder bei der Oma oder anderen Verwandten. Ihre ErzieherInnen und LehrerInnen wiederum sehen die Kinder normalerweise nicht lesen, weil sie diese nur während ihrer Arbeitszeit erleben. Deshalb: Ihr Großen, wenn Ihr lest, achtet darauf, die Kinder daran teilhaben zu lassen! Erzählt ihnen davon! Es ist von untergeordneter Bedeutung, ob es sich bei Eurer Lektüre um etwas Anspruchsvolles handelt. Die Kinder werden ohnehin ihre eigenen Lese-Vorlieben entwickeln und das sollen sie auch dürfen!





Einige meiner freien Stunden widmete ich meinem aus Zeitgründen in den letzten Monaten sehr vernachlässigten Garten-Blog Betty's Büchergarten. Ich habe ihn ein wenig umgestaltet und mit neuen Beiträgen versehen, sowie einer Liste mit Links zu Botanischen Gärten in aller Welt, die noch beliebig erweitert werden kann. Das Interesse an Pflanzen und die Liebe zur Natur verbindet viele Menschen über alle Erdteile und unterschiedlichen Kulturen hinweg in einem gemeinsamen Verantwortungsgefühl für den Erhalt unserer Umwelt und für die Heranbildung künftiger Generationen, die dieses Engagement fortsetzen. Auch hier gilt es, die Möglichkeit zur Vernetzung für Austausch und Verständigung zu nutzen.

Im selben Zuge ergab sich die Gelegenheit, alte, nahezu vergessene Schätze auszugraben, Garten- und Blumenfotos aus den letzten fünf Jahren zu sichten und die schönsten zu einer Galerie zusammenzustellen, die nun im Büchergarten auf der linken Seitenleiste als Diashow zu sehen ist und durch die große Anzahl der Bilder ein längeres Schauen ohne viele Wiederholungen ermöglicht.

Ich freue mich, dass auch viele meiner älteren Fotografien dort einen Platz finden konnten, zumal meine Galerie auf der Homepage derzeit nicht mehr zugänglich ist, da sich diese zuletzt nicht mehr pflegen ließ und ich infolgedessen meine Domain auf dieses Blog umgeleitet habe. Eventuell werde ich die Homepage eines Tages ganz neu gestalten, aber damit hat es mir zunächst keine Eile, handelt es sich doch immer um einen relativ "toten" Ort, während sich das eigentliche virtuelle Leben eben doch in den Blogs und den sozialen Netzwerken abspielt.





Der Sommer, er war geprägt von kulturgeschichtlichen Erkundungen und Exkursionen auf Spuren der Dichter; diese werden mich auch in den Herbst begleiten, wann immer ich Zeit dazu finden werde.


Meine Wanderungen zu alten Burgen der Umgebung inspirierten mich vielfach zu neuen Fotos und zur Arbeit an einer Kurzgeschichte, die alsbald in unserer LiteraturFreundIn zu lesen sein wird. Manches neue Projekt steht an, ebenso viel "Altes", noch Unvollendetes. Einiges wird noch etwas verschoben werden müssen, anderes vielleicht auch unfertig bleiben. Warum auch nicht? Auch das Unvollendete hat seinen Reiz - und vielleicht sollten wir einfach nur mehr Mut zum Unfertigen aufbringen!
 
In diesem Sinne wünsche ich Euch einen schönen Ausklang dieses Sommers. Möge uns Sommers Neige in einen farbenfrohen Herbst geleiten!

Herzliche Grüße

Eure Betty




Kommentare:

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