Sonntag, 20. April 2014

Im Licht der Osterzeit - oder: Überwindung des Vergänglichen


  Ostern

Vom Münster Trauerglocken klingen,
Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.
Zur Ruh sie dort dem Toten singen,
Die Lerchen jubeln: wache auf!
Mit Erde sie ihn still bedecken,
Das Grün aus allen Gräbern bricht,
Die Ströme hell durchs Land sich strecken,
Der Wald ernst wie in Träumen spricht,
Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,
So weit ins Land man schauen mag,
Es ist ein tiefes Frühlingsschauern
Als wie ein Auferstehungstag.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff


Χριστός ανέστη. - Αληθώς ανέστη!

Christus ist auferstanden! -
Er ist wahrhaftig auferstanden!


Merkwürdig verhält es sich mit jenem altehrwürdigen Ostergruß der orthodoxen Kirchen. Wir fühlen eine Kraft von ihm ausgehen, die sich nicht auf die uns gewohnte Weise erklären lässt. Auch jene, die sich schwer tun in Glaubensdingen, wovon ich mich selbst nicht ausnehme, ahnen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die Geheimnis bleiben. Fast alle Menschen verbindet der Wunsch nach einer Überwindung des Endlichen, der Vergänglichkeit. Das Wunder von Ostern schafft eine Hoffnung, die glücklicherweise weit hinausreicht über Hasenkitsch und Eierkult, wenngleich ich Traditionen wie die der Osterbrunnen, die in den letzten Jahren in meiner Gegend neu belebt wurde, sehr schön finde. So will ich Euch auch den Maulbronner Osterbrunnen im Bild selbstverständlich nicht vorenthalten.

 



Wie immer überschlägt sich der Frühling, vergeht zu schnell, Birnen- und Apfelblüte sind vorüber, ehe ich es geschafft habe, alle meine Lieblingsplätze aufzusuchen. Denn es sind arbeitsreiche Tage wie stets, ausgefüllt mit vielfältigen, wertvollen Erfahrungen. 








Manches Vorhaben, wie mein Kinderbuch-Blog musste ich aus Zeitgründen noch etwas vertagen, anderes konnte ich zu Ende bringen.  So ist nun auch mein Essay Anne Franks Vermächtnis anlässlich der bereits im vergangenen Herbst neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke im LiteraturFreundIn-Blog abrufbar.




Über mehrere Monate hat sie mich beschäftigt und der Versuch, mich nur annähernd in ihre einstige Situation hineinzudenken, hat mir manche schlaflose Nacht bereitet. Nur für den Fall, dass jemand ernsthaft glauben sollte, man könne irgendwann aufhören, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Man kann nicht!

Es mag eine umstrittene Frage bleiben, ob man Schuld erben kann, die Verantwortung jedoch erbt man in jedem Fall.

 
Die Zeit der blühenden Kastanien erinnert uns an den einstigen Baum vor Annes Fenster, den sie besonders liebte, der für sie der Inbegriff von Natur war, nach der sie sich so sehr sehnte und die ihr leider für den Rest ihres kurzen Lebens vorenthalten bleiben sollte. 







Anne Frank wäre im Juni dieses Jahres fünfundachzig Jahre alt. Sie war gerade einmal fünfzehn, als sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben kam. Diese Blüte sei ihrem Andenken gewidmet.



 
Möge uns das Licht von Ostern eine Zeitlang begleiten und unsere Gedanken als auch unsere Herzen erhellen, - dies ist mein Wunsch für jene Tage!

Mit vielen lieben Grüßen und allen guten Wünschen zum Osterfest

Eure Bettine

Samstag, 29. März 2014

Blühende Gefilde - oder: Reise zum Dichter


       Der Frühling

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,
O! Welche Freude haben die Menschen! froh
Gehn an Gestaden Einsame, Ruh und Lust
Und Wonne der Gesundheit blühet,
Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.

Friedrich Hölderlin



 
Auf der Suche nach Frühlingsgedichten, die nicht geradezu triefen vor Kitsch, stets wieder landen beim alten Meister, dem Dichter, mit dem ich Geburtsort und -monat teile, der immer wieder meinen Weg kreuzt, gewollt oder unvermittelt, und der am 20. dieses Monats seinen 244. Geburtstag hatte.




  







Und unwillkürlich erscheinen bei dem Wort "Gefilde", welches als gehobener Begriff für eine offene Landschaft steht, Bilder vor meinem inneren Auge: Eine Fahrt nach Tübingen, einmal von einer anderen als für mich üblichen Seite, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes herunter durch das Tal der Ammer, an einem Frühlingstag wie diesem, als sich vor mir die "blühenden Gefilde" in ihrer ganzen Pracht auftaten.

Auch dies war eine Reise zum Dichter, was mich kurz entschlossen dazu veranlasst hat, die alten, liebgewordenen Fotos hervorzuholen und das entsprechende Kapitel aus meinem Roman "Holunderblüten" in unserem LiteraturFreundIn-Blog zu veröffentlichen. Viele der Bilder wird manch einer aus den Profilbildern unserer Seiten und Blogs wiedererkennen, womit auch das Geheimnis gelüftet wäre, wo sich der idyllische Winkel befindet, welchen ich einst zum Logo von Betty's Corner erkoren hatte:


Hier also geht es zu Glänzende Gefilde - Hölderlins Tübingen.
Ein weiteres Kapitel hatte ich bereits am 29. Januar anlässlich des 200. Todestages des Philosophen Johann Gottlieb Fichte eingestellt, welches hier nachzulesen ist: Fichte und Hölderlin. So lasse ich mich doch immer ein ums andere Mal dazu hinreißen, Teile aus "Holunderblüten" vorab freizugeben, was mich jedoch nicht reut, da es jeweils in die Zeit passt, und die Veröffentlichung als Buch noch etwas dauern wird.



Darüber hinaus blühen mir die Gefilde wie immer zu schnell; viel Arbeit und eine niederträchtige Frühjahrsgrippe vereiteln leider manche ersehnte Wanderung. Immerhin reichte es zu einem traumversunkenen Spaziergang in "meinen" Scillawald zu den Blumen meiner Kindheit, und so sollen diese auch Euch nicht vorenthalten bleiben!

Auch hierzu findet sich etwas in "Holunderblüten", wo dieser Ort näher beschrieben ist:

Scilla-Blütezeit in der alten Neckarschleife Lauffen










































Ein lange gehegtes Projekt in diesem Frühjahr ist die Eröffnung eines weiteren Literaturblogs, diesmal für Kinder, in dem auch diese selbst mit ihren Beurteilungen zu Wort kommen sollen. Geplant sind Buchbesprechungen und Linktipps für junge und jung gebliebene Leute.

Betty's Kids' Corner ist noch im Aufbau begriffen, wird aber bald seine Pforten eröffnen. "Meine" bücherbegeisterten Kinder werden mir tatenreich zur Seite stehen. Soll ich es als Zeichen nehmen, dass auf dem Gelände unseres Kindergartens in einer Astgabel unserer Zirbelkiefer ausgerechnet ein Buch-Finkenpaar sein Nest errichtet?



Somit wird dieser Frühling vieles bereit halten, wenn auch oft anders und in einem anderen Tempo als geplant, was nicht zwingend zum Schlechten gereichen muss. Genießen wir einstweilen die blühenden Gefilde, die verschönte Ansicht und lassen wir freundliches Lachen nicht allzu ferne sein!



Liebe Grüße

Eure Bettine






Freitag, 28. Februar 2014

Vorfrühling - oder: Februar-Blog in letzter Minute

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau, 

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
Unvermutet siehst du seines Steigens 

Ausdruck in dem leeren Baum.


Rainer Maria Rilke (Vorfrühling) 


Immer wieder ist es Rilkes Vorfrühlingsgedicht, welches mir als "Erstling" im Verlaufe des beginnenden Frühlings in den Sinn kommt, noch lange bevor Mörikes berühmtes Blaues Band zu flattern beginnt. Wenn auch dieser Winter es zumeist - manch einem zur Erleichterung - an Härte fehlen ließ, ist es doch der Mangel an Licht und Farbe, der uns in Gefilden nördlich der Alpen zu schaffen macht. Dies lässt uns begierig jede Veränderung aufnehmen, macht uns empfänglich für die dezenten Pastelltöne des ausklingenden Monats Februar.

Das silberne Schimmern der Zweigspitzen, mittlerweile frei vom Laub des Vorjahres. Das dunkle Rot und helle Vanillegelb der Weiden, deren Glanz vom Aufsteigen neuer Kräfte kündet. Schon immer war der Vorfrühling meine Jahreszeit, die Tage, während derer sich alles in Erwartung hält und von Künftigem erzählt, ohne etwas zu übereilen. Hat es erst begonnen, wird es schwierig, mitzuhalten. Schwindelgefühl wird sich alsbald einstellen; gern würden wir die forteilende Frühlingsgondel noch manches Mal aufhalten.

Und schon mischen sich andere Farben ins Bild. Filigranes Gelb der früh blühenden Kornelkirsche, am Boden Krokus in Violett zwischen Schneeglöckchenweiß. An anderen Orten die dankbaren Gänseblümchen und der erste Huflattich, - kleine, gelb leuchtende Sonnen. Und es entsteht in der Tat vor unseren Augen das eine oder andere Bild von Wegen, die weit ins Land gehen. Wanderungen auf Frühlingswegen, die im bevorstehenden März möglich sein könnten.


Ein Frühlingsweg geleitet mich zu meinen Scillawiesen aus Kindertagen, wo sich die zunächst noch winterlich grau anmutenden Waldhänge einer ehemaligen Flussschleife nach und nach mit ungezählten kleinen, blauen und vereinzelt weißen Sternen übersät finden werden. Ein anderer führt durch lichte Anemonenwälder, erfüllt vom Gesang der Vögel und dem Trommeln des Spechtes zwischen noch unbelaubten Buchen, die viel Raum lassen für den blauen Himmel. Dann hinaus auf Lichtungen zu einem Panoramaweg mit weitem Blick ins Land bis zu den Höhenzügen des Schwarzwaldes, gesäumt von schneeweiß duftenden, bienenumsummten Schlehenhecken und blühenden Vogelkirschen über Fuchsbauten mit frisch gegrabenen Zugängen. Ein weiterer bringt mich durch ein kleines Wäldchen, welches im Frühjahr von einem blauviolett-weiß-gelben Tupfenteppich aus Märzveilchen, Buschwindröschen und leuchtendem Scharbockskraut überzogen scheint, hin zu meiner Lieblingsburg, die um diese Jahreszeit besonders schöne Fernblicke bietet.


Wieder andere verlaufen an sonnigen Hängen unter zartrosa blühenden Mandelbäumen, durch junge Laubwälder mit vielen Singvogelarten, die sich beim Sammeln von Nistmaterial beobachten lassen, zu alten Burgen und imposanten Felsen. Und abermals andere führen durch wasserreiche Schwarzwaldtäler mit hellviolett gemusterten Wiesenanemonen und satt-gelben Sumpfdotterblumen, hinauf auf felsige Höhen mit eindrucksvollen Ausblicken und zu stillen Hochmooren.

Wenigstens einige von diesen hoffe ich, in den nächsten Wochen, die wie alle vorangegangenen arbeitsreich zu werden versprechen, gehen zu können, den richtigen Zeitpunkt dazu nicht zu versäumen, was - ich weiß es - sich nicht immer ganz einfach gestalten wird. Dennoch ist dies eine Aussicht, die mich zu beflügeln vermag.

Und so lasse ich nun den Winter, der keiner war, ohne Bedauern ziehen und überspringe auch geflissentlich die Tollen Tage, die nicht für mich gemacht sind. Sie zu begehen, mich in verordnetes Narrentum zu begeben, würde, wie ich befürchte, die Verpflichtung mit sich bringen, an den übrigen Tagen des Jahres eine betont seriöse Seite herauszukehren, die mir noch weniger anstehen dürfte. So ziehe ich es denn vor, für mich frech-dreist - in meinem Alter darf frau solches! - ganzjährige Narrenfreiheit zu beanspruchen.

In diesem Sinne - es ist ein kurzer Beitrag geworden, da ich an einem größeren Anne-Frank-Essay arbeite, welcher drängt, nächstens mehr davon! - allen, die feiern, natürlich ganz viel Spaß!

Auf Wiederbloggen im März!

Eure Bettine

Samstag, 25. Januar 2014

Widerstrebender Winter - oder: Neue Jahre - Unbeschriebene Blätter

Hinter jedem Blatt und jeder Blüte, dünkt mich, stecke ein Engel, der mir meinen Mut erhielte.

Philipp Otto Runge








Während eines widerstrebenden Winters, der keiner sein mag, und auf den nach seinem lichtlosen Kollegen des vorangegangenen Jahres auch niemand so recht Lust verspürt, gemahnt mich eine innere Stimme meiner Versäumnisse. Wieder einmal hat sich ein Jahreswechsel sehr schnell vollzogen, nachdem es gelungen schien, während der Weihnachtstage für einen kurzen Augenblick die Zeit anzuhalten. Immer fällt es mir schwer, Weihnachten ziehen zu lassen, räume erst nach dem Lichtmesstag, wenn die Dunkelheit dann endlich doch zu weichen beginnt, die letzten Sterne ab, während doch spätestens mit der Neujahrsnacht die letzten leisen, Frieden beschwörenden Töne verklungen sind und eine kollektiv verkaterte Gesellschaft sich wieder griesgrämig ihren zumeist alles andere als friedlichen Tagesgeschäften zugewandt hat. Nun ließe sich entgegenhalten, dass dieselbe in ihrer gewohnten Aktion zu beobachten erträglicher sei, als in der vorangegangenen Scheinheiligkeit, und dass alles nur eine Frage der Gewöhnung darstelle. Mein Sich-nicht-gewöhnen-wollen: Eine Untugend, die sich einst hätte auswachsen müssen? Zu spät! Und so bleibt mir, einen großen Schriftsteller zu zitieren, der mit vielen anderen Großen das Los teilt, mit seinem sehr eigenwilligen Stil nur von wenigen verstanden zu werden:

"Die Welt der Kunst und Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare."


Arno Schmidt wäre am 18.Januar 2014 hundert Jahre alt geworden, ein großer Katzenfreund übrigens - seine Frau Alice noch mehr -, was mich sehr für beide einnimmt.

Den Beweis für den Kunstsinn der samtpfotigen Stubentiger wiederum liefert mir mein Besuchskaterchen, welches, während ich dies beim Morgenkaffee schreibe, Mozartklängen lauschend vor sich hin schnurrend, sein ausgiebiges Vormittagsschläfchen hält.







Insgeheim komme ich ja nicht umhin, den Verdacht zu hegen, dass er mich mehr um Mozarts als um meinetwillen in meinem Dachdomizil aufsucht, was mich nicht stören soll, insofern ich Nutznießerin bin. Gib jedem sein persönliches Bargfeld!




Rückzugsorte - nah und fern - sind es, die helfen können, während arbeitsintensiver Tage verloren gegangene Energie nachzutanken. Ein solcher ist auch immer wieder das Kloster Maria Laach in der Eifel, dem in unserem LiteraturFreundIn-Blog bereits an früherer Stelle unter dem Titel Orte für die Suchenden ein Beitrag gewidmet ist.



Seine Lage in vulkanischer Umgebung am geheimnisumwitterten Laacher See, der sich durch rasch darüber hinwegziehende Wolkenschatten in immer wieder neuen Farbnuancen und Spiegelungen zeigt, lässt die Faszination jenes sakralen Ortes, dem ich in diesem Jahr einen "Dreikönigsbesuch" abstattete, nie weniger werden.





Erinnerungen an eine ungewöhnliche Begegnung zwei Jahre zuvor, als sich im ausklingenden Winter eine pfiffige Rötelmaus am Geo-Pfad ausgerechnet auf einem markanten Gesteinsbrocken aus schwarzer Schlacke in Szene setzte und mir jenes unvergessliche Bild bescherte.




So findet sich das eine oder andere Motiv zuweilen völlig unerwartet, während so manche gezielte Suche vergeblich endet.


Unter die überraschenden Motive wiederum fielen auch die frühen Mandelblüten in der Stadt, welche meiner Frühlingssehnsucht Vorschub leisten, und die ich nun teile, auf dass sie uns Boten des Engels seien, der - so der Maler - uns den Mut für kommende Tage erhalten helfen möge.




Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen für dieses noch junge Neue Jahr!

Bettine

Sonntag, 22. Dezember 2013

Augenblicke im Advent

"Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt."

Friedrich von Bodelschwingh



Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, - einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit - oder das, was ich dafür halte?

"Wo kämen wir hin", mag andererseits mancher mit Recht fragen, "wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?" Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass "jeder" dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll "Spinner" und "Phantasten"auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.

Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, - Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.




Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?






Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde "zwischen Tag und Traum", die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten "vorlesend", die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: "Du sollst vor-le-sen!!!" Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit - wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest - innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren - mal mehr, mal weniger - dunklen Erdenweg fallen!

Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr...

Eure Bettine

Sonntag, 24. November 2013

November-Elegie



Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk
Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik
Herbst
der freundliche Feind
Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Rose Ausländer (Herbst)


Schon lange wollte ich gern etwas mit dem Titel "November-Elegie" schreiben - nenne es eine Marotte - und natürlich traue ich mich dies offiziell nicht, da es - wie ich mutmaße - längst zu vieles gibt, das diesen Namen trägt. Aber hier in meinem - beinahe - privaten Blog darf ich solches wagen. Liest ja niemand...

An das Gedicht Rose Ausländers fand ich mich erinnert, als ich nach dem Abzug der Stare, deren unbekümmertes Schwatzen ich schmerzlich vermisse, morgens erstmals den melodischen, perlenden Gesang des Rotkehlchens hörte, welches sich unbeeindruckt von der Novemberwitterung auf einem der gegenüberliegenden Dächer niedergelassen hatte. Das Rotkehlchen, ein unverdrossener Wintersänger, der mir die lichtarmen Tage erträglich machen wird. Auch das leise, wie entfernt klingende Amselgezwitscher, zweckfrei vorgetragen, geschlossenen Schnabels mit unbeteiligter Miene: Ein Geheimnis des Herbstes, der weiter fortschreitet, um unmerklich dem Winter Platz zu machen. Freundlicher Feind? Er ist zu schnell vergangen, dieser Herbst, hatte zu wenig Raum im Rahmen der Zeit. Und mir liegt der Gedanke nahe: Möge der Winter es ihm gleich tun! Aber sogleich erinnere ich mich an versöhnlichere Töne, die ich diesem gegenüber einst anschlug, als ich schrieb: Er bringt uns die Ruhe zurück. Uns, die wir verlernt haben zu lauschen. Maskenträger, wir. Die wir zugeschüttet sind mit Lärm, gelernt haben, diesen an uns abgleiten zu lassen, - auf Kosten unserer Sensibilität für die leisen Töne.

Aufschlussreiche Beobachtung während einer mit Kindern im Vorschulalter erprobten Klangwerkstatt. Anfangs faszinieren besonders die lauten Instrumente. Selbst nach Herzenslust laute Töne erzeugen dürfen baut Spannungen ab, nimmt etwas von dem Druck, welcher durch den Lärm entsteht, der normalerweise von außen auf die Kleinen eindringt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Nach einer gewissen Zeit beginnen auch die leiseren Klänge wieder ihr Interesse zu wecken, sie üben sich neu im Hinhören und Lauschen. Und mir drängt sich der Gedanke auf: Wie können sie sich schützen vor dem Lärm, den die Großen ihnen unausgesetzt zumuten? Jene Großen, die von den Kleinen so oft fordern, still zu sein, sich ruhig zu verhalten?

Das Elegische will allein Klage nicht sein, abgesehen von jener um zerrinnende, unwiederbringlich verloren gehende Zeit. Ich verbringe die Tage in Gesellschaft einer hochbetagten Katze; ihr Schnurren begleitet mein Schreiben; ich versehe sie mit neuen Namen, nenne sie "Spinnrädchen", "Nähmaschine" und "Samt-Tiger". Die Katze ist "nur geliehen", was nichts zur Sache tut, denn was ist nicht alles Leihgabe von dem, was wir gern unser eigen nennen? Auf ihre Ohren ist Verlass. Sie liebt Musik von Vivaldi und Mozart. Und sie kann das Motorengeräusch meines alten Diesels unfehlbar identifizieren, kommt mir zur Begrüßung entgegen, sobald ich vorgefahren bin. Aber auch sie hat elegische Anwandlungen, Stunden, während derer sie, von sichtbarer Unruhe getrieben, auf geheimnisvolle Weise in der Nacht verschwindet oder sich am helllichten Tage in einem finsteren Winkel des Heizungskellers verschanzt, nicht ansprechbar ist, mir entgegen schaut wie eine Fremde und mich nicht an sie heranlässt. Irgendwann findet sie sich wieder vor  meiner Tür ein, als sei nichts gewesen. "Auch in meinem Katzenleben hat es Dinge gegeben, die mir manche Tage zu schaffen machen, von denen Du als Nicht-Schnurrhaarträgerin nichts ahnen kannst", bilde ich mir ein, in ihrem Blick zu lesen. Womit sie wohl Recht haben mag. Und so lassen wir uns gegenseitig unsere Marotten und Befindlichkeiten, nach dem Motto: Leben und spinnen lassen.

Ansonsten in der Tat zu wenig Raum im Rahmen der Zeit, um den Herbst zu genießen. Vereinzelte "gestohlene Tage", wie eine Stippvisite ins Siebengebirge zu einer meiner Lieblingsruinen, der Löwenburg, die eine traumhafte Kulisse für einen kurz währenden herbstlich-goldenen Sonnenuntergang über dem Rheintal bot.










Einer der unzweifelhaften Vorzüge, die der November aufzuweisen hat, ist der, manche Orte, die sonst von Besucherströmen heimgesucht sind, nahezu für sich allein zu haben. Das spätherbstliche, still gewordene Maulbronn, sakraler und literarischer Ort, lässt besonders in dieser Jahreszeit eine Ahnung früherer Tage vor dem inneren Auge erstehen, im Schatten der dunklen Sandsteinmauern stehend, dem Flüstern lange verklungener Stimmen lauschend. Für einen Lidschlag scheint hin und wieder ein kurzer Blick durch den Vorhang der Zeiten möglich, bevor der Novembernebel alle Bilder und Trugbilder wiederum verhüllt und es uns rückblickend schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden.




Der Blick wird magisch angezogen von einem Transparent: "Adventskalender-Ausstellung". Die schwere Tür zu der mächtigen ehemaligen Zehntscheune öffnen, sich im Dunkeln wiederfinden, schon glauben, im falschen Raum zu sein, dann hinter einer weiteren Tür Licht, Eintauchen in eine über hundertjährige Welt des Vorweihnachtszaubers, enges Beisammensein von Kitsch und Kunst, Faszination - aber auch Gruseln über Dokumente ideologischer Vereinnahmung zu unseligen Zeiten im Lauf der Geschichte.

Adventskalender - Zeugnisse verlogener Sentimentalität, Heraufbeschwören einer Idylle, die es nie gegeben hat? Oder schlicht eine Hommage an die kindliche Freude am Geheimnis, - auch wenn es lediglich um bunte Bildchen hinter Papptürchen geht? Sinnbild für die tief verwurzelte Sehnsucht nach Fenstern und Türen, die sich zu gegebener Zeit öffnen lassen, um hinter die sichtbaren Dinge schauen zu können? Deutungsversuche, die möglicherweise scheitern, während ich bei Kaffee und Nusstorte in einem nahegelegenen Café meine neu erworbenen Schätze - wie so oft sind Museumsladen und Buchhandlung Nutznießer meiner Stöbereien - betrachte: Ein Reprint eines schlichten Adventkalenders von 1946 und ein nostalgisches Glasmurmelspiel in einem putzigen Schächtelchen.




Nicht zuletzt ist diese Jahreszeit Lesezeit, könnte es umso mehr sein, wenn weniger andere Dinge zu tun wären. Immerhin reichte es zu einer neuen Buchbesprechung zu Lukas Hartmanns "Abschied von Sansibar" - Diogenes Verlag, die bei Glanz & Elend erschien und auch in unserem Blog nachgelesen werden kann: Prinzessin ohne Land. Als nächstes plane ich, mich der bei Fischer neu erschienenen Anne-Frank-Gesamtausgabe etwas ausführlicher zu widmen.

Am 1. Dezember jährt sich der Todestag Christa Wolfs zum zweiten Mal. Ich vermisse sie sehr, ebenso Sarah Kirsch, die im Mai dieses Jahres verstarb. Zwei große Schriftstellerinnen, ganz unterschiedlich in Wesensart und Stil, beide unersetzlich. Das Schmökern in Sarah Kirschs ganz besonderen Tagebuchnotizen - wie "Krähengeschwätz", "Regenkatze" und "Märzveilchen"- ist seit Wochen meine bevorzugte Abendbeschäftigung. Zu Christa und Gerhard Wolf erschienen beim Ullstein Verlag unter dem Titel "Sei dennoch unverzagt" aufgezeichnete Gespräche, geführt und herausgegeben von ihrer Enkelin, der Journalistin Jana Simon, - ein interessanter Austausch der Generationen. Für Winterlektüre ist also reich gesorgt. Mögen sich lediglich noch die dafür notwendigen Musestunden finden!

Und ungeachtet jährlich neu belebten inneren Grolls über Verlogenheit und Konsumwahnsinn der Weihnachtszeit freue ich mich darauf, mein im Frühjahr neu bezogenes Dachdomizil erstmals für den bevorstehenden Advent zu dekorieren...

In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut und Kreativität, unsere persönliche Adventszeit nach jeweils eigenen Bedürfnissen individuell zu gestalten - und die Rolle der Gehetzten und von falschen Erwartungen Getriebenen konsequent von uns zu weisen!

Herzliche Grüße

Bettine